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Im Gespräch mit dem abtretenden Regierungsrat Dr. Markus Dürr

28. Dezember 2009
„Kanton Luzern hat sich gewaltig verändert“

10 Jahre war Markus Dürr (62) ein starkes Mitglied der Luzerner Regierung. Der schweizweit anerkannte Gesundheitspolitiker hat am 31. Dezember 2009 den letzten Arbeitstag im Ritterschen Palast.

Wie oft haben Sie den Entscheid zur Demission schon bedauert?
Markus Dürr: Wenn ich etwas entschieden habe, dann bleibe ich dabei. Aber seit sechs Wochen werde ich überall verabschiedet und… ja, da kommt schon etwas Wehmut auf.

Wie stark hat sich der Kanton Luzern seit Ihrer Wahl 1999 verändert?
Der Kanton Luzern hat sich gewaltig verändert. Kaum ein Stein ist auf dem anderen geblieben. Wir sind dank Schuldenabbau und Steuersenkungen finanziell wieder handlungsfähig. Mit Gemeindereform, neuer Verfassung, verkleinerter  Regierung und Parlament haben wir die Strukturen vereinfacht. Wir haben wichtige Entwicklungen und Investitionen beschlossen, etwa Uni, Autobahnanschlüsse, Allmend und vieles mehr.

Welche Strategie steht dahinter?
Den Kanton Luzern konsequent vom Dienstleistungs- zum Gewährleistungsstaat umbauen. Die verbesserten Ränge in den interkantonalen Ratings zeigen, dass Luzern als Lebens-, Wirtschafts- und Wohngebiet wieder attraktiv ist.

Kann eigentlich das Tagesgeschäft Spiegelbild des politischen Programms eines Regierungsrates sein?
Mir war das sehr wichtig. Mein politisches Credo beruht auf der christlichen Soziallehre mit den drei Säulen Eigenverantwortung stärken, Solidarität der Gesellschaft einfordern und erst dann den Staat subsidiär zu Hilfe rufen. Zentral ist mir zudem die Familie. Ich bin Familienfan und habe alles unternommen, um die Familie als wichtigste Zelle zu stärken und zu fördern.

Was hat sich in Ihren zehn Jahren im Luzerner Spitalbereich verändert?
Dank der früher zentralistischen Organisation des Kantons hatten wir schlanke Spitalstrukturen. So konnten wir uns darauf konzentrieren, Führungs- und Strukturreorganisationen durchzuführen, die rechtliche Verselbständigung beim Parlament und beim Volk durchzubringen und die Zusammenführung der Spitäler umzusetzen. Dabei ist die grösste Firma im Kanton Luzern entstanden, notabene ohne Entlassungen oder negative Schlagzeilen.

Und die Zentralschweiz?
Unter dem Druck der künftigen Spitalfinanzierung muss die Zusammenarbeit kommen. Epochal ist in dieser Richtung die Absichtserklärung der Luzerner und Nidwaldner Regierung zur gemeinsamen Spitalregion.

Spitäler sind wichtig, aber doch nur ein Teil des Gesundheitswesens?
Genau, die Stärkung der Hausarztmedizin vor allem in den ländlichen Gebieten war mir auch als GDK-Präsident ein grosses Anliegen. Wichtig sind aber auch Prävention und Gesundheitsförderung. Diese wurden im revidierten Gesundheitsgesetz stark aufgewertet und finden ihren Niederschlag in Kampagnen wie „Gesundes Körpergewicht“, „Gesundheitsförderung in den Betrieben“ oder „Bündnis gegen Depression“. Wir haben die palliative Pflege gefördert und in der Tiergesundheit wichtige Krankheiten wie BSE und BVD ausgerottet, gegen Blauzungenkrankheit wurde erfolgreich geimpft. Die Kantonalisierung der Fleisch- und Lebensmittelkontrolle hat die Lebensmittelsicherheit erhöht.

Wichtig war Ihnen offenbar, dass die Luzerner Gesundheits- und Sozialpolitik punkto Innovationen Leader ist?
Ich habe als Präsident der Konferenz der Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren dafür gekämpft, dass die Kantone als Praktiker mehr Einfluss gegenüber den Gesundheitsbürolisten in Bern haben. Dazu war mir die Innovationskraft des Luzerner Gesundheits- und Sozialwesens eine gute Basis. Luzern war bei Innovationen immer vorne dabei. Stichworte sind etwa die Einführung des Spitalfacharztes, ein neues Abgeltungsmodell für Chefärzte, Gründung der Sterilog, Assistenzstellen für Hausärzte und andere.

Gab es auch im Sozialwesen Akzente?
Klar, Meilensteine waren der erste Sozialbericht, das Familienleitbild der Regierung, die neue Dienststelle Soziales und Gesellschaft und der Wechsel vom Heimfinanzierungsgesetz zum modernen Gesetz für soziale Institutionen (SEG). 

Und immer wieder haben Sie mit neuen Ideen landesweit Schlagzeilen gemacht?
Mein Politstil war hin und wieder provozierend, weil ich mit klaren Aussagen auf ein Problem aufmerksam gemacht habe. Zum Beispiel Rationierung im Gesundheitswesen, Spezialheime für Demenzbetroffene, elektronische Patientenkarte, schwarze Liste zur Bekämpfung der Zechpreller im Gesundheitswesen oder „Kinder gehen zu Fuss in die Schule“.

Und jetzt… jetzt sitzen Sie daheim auf dem Sofa in Malters… unvorstellbar!
 
(lacht). Meine Frau und ich werden zuerst zwei Monate nach Südamerika reisen und Spanisch lernen. Dann werde ich mit Mandaten im Gesundheits- und Sozialwesen aktiv bleiben. Es treffen wöchentlich neue Angebote ein…

…und für was haben Sie sich entschieden?
Fest stehen bis jetzt einzig die Weiterführung als Institutsrat Swissmedic und als Präsident der Luzerner Trendtage Gesundheit, dazu kommt der Suva-Verwaltungrat. Ich bin noch zurückhaltend mit weiteren Zusagen. Schliesslich habe ich seit meinem Staatsexamen 60 bis 80 Stunden in der Woche gearbeitet. Jetzt bietet sich die einmalige Chance für eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit.

Interview: Kurt Bischof (Bi.)

 
Bauer Medien AG